22. April 2012

Design Thinking und Scrum

Scrum beschreibt einen Prozess des Organisierens in der Softwareentwicklung. Scrum beruht auf der Idee, dass sich komplexe Projekte einer längeren Planbarkeit entziehen, wie es beispielsweise im sogenannten Wasserfall-Modell suggeriert wird. Scrum setzt auf kurze Sprints und regelmäßige, oftmals tägliche Feedbackschleifen, um bei Bedarf ständig den Scope von Projekten neu zu justieren. Im Gegensatz zu anderen Formen des Projektmanagements, wird im Scrum nicht das Ergebnis, bzw. der Umfang des Projekts fixiert, sondern vielmehr die Aufwendung der Ressourcen. Entstehen Verzögerungen, so kommt es in der Regel zum Verzicht auf die Umsetzung niedrig priorisierter Aspekte. Im Scrum treten neue Rollen auf, die beispielsweise die Methode selbst oder auch die Definition und Priorisierung der Aufgaben festlegen. Damit verabschieden wir uns im Scrum von der Idee, umfassende Lösungen zugunsten brauchbarer und zeitlich fixierter Lösungen zu entwickeln.

Während man im Scrum davon absieht, bereits in der Planung zu wissen, wie sich einzelne Tätigkeiten ausführen und zusammenfügen lassen, signalisiert sich mit dieser Methode jedoch, worauf das Augenmerk gelegt werden muss, um am Ende des Entwicklungsprozesses ein ausreichendes Ergebnis vorzuweisen. Im Scrum geht man davon aus, dass sich auch komplexe Aufgaben geplant in kleine Aufgaben zerteilen und priorisieren lassen. Diese Vorstellung mag valide sein, wenn es sich um auf technische Probleme fokussierte Aufgaben handelt. Sie wird jedoch brüchig, sobald eine soziale Komplexität zugrunde liegt.

Entscheidende Einsichten für den Umgang mit sozial komplexen Problemen beschrieb der Design Theoretiker Horst Rittel, in der er den bereits bestehenden Begriff der Wicked Problems weiter ausdefinierte. Derartige Wicked Problems sind dadurch geprägt, dass sie sich aus sozialen Aspekten zusammensetzen, die sich u.a. weder sequentiell bearbeiten noch endgültig lösen ließen. Ganz im Einvernehmen mit den Überlegungen Simons zu Ill-Structured Problems, auch der Theorie sozialer Systeme von Luhmann, beschreibt Rittel eine Klasse von Problemen, die durch den Eingriff eines Beobachters bereit eine Veränderung, nicht aber Auflösung, erfahren, der jeden weiteren Eingriff erneut kontingent werden lässt. Mag ein Ingenieur es noch schaffen, die Wasserversorgung einer Großstadt technisch zu lösen, indem er sequentielle, d.h. planbare, Bearbeitungsmuster verfolgt, so wird ihm dies bei der Bekämpfung von Kriminalität in der gleichen Stadt nicht mehr gelingen. Wo beginnt man, welche Intervention setzt man an und wie verändert dies das Problem selbst? Rittel beschreibt daher Wicked Problems als Probleme, die wir nicht lösen, sondern sie allenfalls vorläufig bewältigen können, in dem wir uns auf sie einlassen, einen Anfang setzen, intervenieren und reflektieren, wie diese Intervention sich auswirkt und welche Konsequenzen wir für die weitere Intervention daraus ziehen müssten. Schön hat dieses iterative Vorgehen von Action & Reflection als gemeinsamen Nenner für unterschiedliche Fachleute nachgezeichnet, die sehr erfolgreich mit derartigen Problemen umzugehen verstanden. Ein derartiges Vorgehen sieht Cross insbesondere bei erfolgreichen Designern gegeben.

Nehmen wir an, dass es im Design Thinking um die Aushandlung von Nutzerbedürfnissen geht, so mag es naheliegen, dass hier mit Wicked Problems gearbeitet wird, für die es weder eine abschließende Lösung geben mag, noch einen planbaren sequentiellen Bearbeitungsprozess. Insofern mag Design Thinking eine komplementäre Bearbeitungsform darstellen, die im Scrum nicht vorgesehen ist. Der Fokus liegt auf einem iterativen Vorgehen, insofern es zwischen dem Aufbau eines Problem- und eines Lösungsverständnisses oszilliert.

Offen bleibt hier die Frage, inwiefern Design Thinking eine Deutung von Nutzerbedürfnissen generiert, die so trivial, d.h. nicht-komplex ausfällt, dass eine weitere Bearbeitung im Scrum-Modus angemessen scheint. Ist eine Schnittstelle von Design Thinking zu Scrum vorstellbar, an der eine Komplexitätsreduktion erfolgt, die eine planbare, sequentielle Bearbeitung möglich werden lässt? Wohl nur, wenn wir den Problemen ihre soziale Dimension an dieser Schnittstelle entziehen, ohne die sie erst trivial, das heißt planbar und sequentiell zu zerlegen sind.