19. Mai 2015

Der Job Executor

The job is the fundamental unit of analysis (Christensen & Cook)

Wenn Innovation der Singsang der modernen Unternehmen ist, dann ist Clayton Christensen ihr Vorsänger. Christensen ist einer der prominentesten Vordenker für das Management dieser Tage. Einer immer stärker werdenden Kritik an seinen Ideen und seiner Methodik zum Trotz.

Durch Clayton wissen wir, worum es sich bei disruptive innovations handelt und warum jedes erfolgreiche Unternehmen letztendlich auf ein Dilemma manoevriert, in dem es nach permanenter Verbesserung strebt und sich auf diese Weise entbehrlich macht. Und wir beginnen zu verstehen, dass die Menschen, die Produkte kaufen und die in ihren Büros arbeiten, nicht bedürfnisverlorene Kunden und Mitarbeiter sind, sondern vor allem als Ausführende von Jobs sind. Diese Idee hat Christensen von Bob Moesta und John Palmer aufgegriffen.

Mit Jobs sind Handlungen gemeint, in die wir uns hineinbegeben, weil wir uns davon Ergebnisse versprechen. Für die meisten dieser Jobs haben wir uns nie beworben, für die allerwenigsten werden wir bezahlt. Wir tun sie, weil wir daran glauben, dass deren Durchführung uns einen Vorteil verschafft, oder weil sie ein Bedürfnis zu befriedigen scheinen.

Ein Beispiel.

Kurz nachdem wir morgens aufwachen und das Badezimmer betreten, melden wir uns für unseren ersten Job an: Unser Job ist es, in einer für uns annehmbaren Zeit, unseren Körper zu reinigen, damit wir mit einem guten Gefühl vor die Tür treten können. Um diesen Job zu erfüllen, greifen wir auf Produkte und Services zurück, die wir nicht etwa brauchen, weil wir sind, wer wir sind, sondern weil wir diesen einen Job zu erledigen haben. Die Tools versprechen, uns in der Situation im Job zu unterstützen. Wir kaufen dieses eine Duschgel, weil es uns verspricht, noch erfrischter in den Tag zu starten. Und wir kaufen diesen einen Rasierer, weil er uns verspricht, Zeit zu sparen, ohne auf eine gründliche Rasur zu verzichten. Und wir begreifen, dass das gesamte Badezimmer, wie beispielsweise auch die Fabrik, ein Arrangement von Tools darstellt, die so oder auch ganz anders aussehen können, um diesen Job durchzuführen. Wir sind Executors von vielfältigen Jobs, und diese Jobs ändern sich im Laufe der Jahre kaum. Was sich verändert sind allenfalls die Tools.

Ein Unternehmen, dass Rasierapparate produziert und vertreibt und seine Kunden als Job Executors begreift, erkennt, dass es müßig ist, nun noch von demographischen Kundensegmenten oder Personas zu sprechen. Es ist egal, ob es sich um einen 70jährigen Rentner aus Deutschland oder einen 20jährigen Auszubildenden aus Spanien handelt, der im Laden steht und sich nach Rasierern umschaut. Sofern Sie morgens im Bad stehen und ihren Job beginnen und in etwa die gleichen Ziele damit verfolgen, wird es unerheblich, ob sie demographische, regionale oder psychologische Merkmale voneinander trennen. Ist ihr Verständnis vom Job ähnlich, werden sie die gleichen Tools präferieren.

In dieser Lesart gibt es kein einziges Produkt, keinen Service, keinen Prozess, der nicht darauf abzielt, einen Job zu ermöglichen (def. gemäß eine Marktinnovation), oder zumindest zu erleichtern (def. gemäß eine Produkt– oder Serviceinnovation). Und manche dieser Produkte unterstützen einen Job gerade noch gut genug, dass sie für den Executor akzeptabel sind (def. gemäß eine disruptive Innovation). Es gibt in dieser Lesart auch keinen anderen Grund, einen Gegenstand zu kaufen, wenn sich dieser nicht in der Durchführung eines Jobs einbauen ließe.

Christensens Ausführungen haben weitreichende Konsequenzen für das Innovationsverständnis vieler Unternehmen hervorgebracht. Sie begreifen sich weniger als kunden– denn als joborientiert.

Weitergedacht zeigen sie auf, dass es im Zeitalter der Dinge zunehmend Maschinen sein werden, die Adressaten von unseren Innovationsbemühungen werden da sie zukünftig die große Mehrzahl aller existierenden Jobs ausführen werden. Wir werden uns zunehmend damit auseinandersetzen, was es bedeutet, diese Maschinen bei der Durchführung ihrer Jobs zu unterstützen. Menschen innovieren für Maschinen.