6. Dezember 2010

Verzeitlichung von Entscheidungen

Nach Baecker (1994) ist es einer der großen Vorteile von Hierarchien die Verzeitlichung von Entscheidungen. Probleme und Konflikte werden wahrgenommen und nach oben weitergeleitet. Dieses Oben ist der Adressat, der sich aufgrund seiner Entscheidungskompetenz das Privileg oder auch die Bürde auferlegt hat, Konflikte zu lösen: „ob die Probleme und Konflikte dort oben dann tatsächlich gelöst werden (…) ist zweitrangig“, so Baecker.

Man kann sich vorstellen, dass das Management dankbar auf Möglichkeiten zurückgreift, die den Druck (oder die Nötigung?) mildern, kritische, sogar unentscheidbare Entscheidungen treffen zu sollen. So werden für komplexe Probleme Kommissionen einberufen oder Studien in Auftrag gegeben, deren Ergebnisse selbst wiederum Auslöser neuer Verhandlungsrunden werden. Das Management verzögert Entscheidungsprozesse, nicht selten so erfolgreich, dass das Problem in seiner ursprünglichen Form nicht mehr wahrzunehmen ist und eine Entscheidung überflüssig wird. Ist Management das Problem? Baecker (2007) verneint:

Organisation (ist) (…) nur möglich, wenn man ihr freistellt, hochselektiv mit Wissen umzugehen, Daten nicht zur Kenntnis zu nehmen und aus Informationen keine Schlüsse zu ziehen.

Damit werde Hierarchie zu einem Verschiebebahnhof von Problemen. Beobachtete und thematisierte Probleme lassen sich nicht mehr ohne Weiteres ignorieren, zumindest aber bis auf Weiteres verschieben.

Für die Forschungsfrage ist interessant, wie das Management einerseits die  Unruhe und Selbstbeobachtungsprozesse durch das Design von Krisen erzeugt, sich andererseits jedoch die Chance bewahrt, die Reaktion selektiv wahrzunehmen und sogar auszusitzen.