12. April 2011

Gegenwind für Design Thinking

Die Diskussionen im Netz über Design Thinking erfahren derzeit eine neue Qualität. Vermehrt melden sich Stimmen zu Wort, die dem Begriff und der dahinter stehenden Aussage kritisch gegenüberstehen. Helen Waters, Don Norman und Bruce Nussbaum sind die prominenten Vertreter.

Nussbaum führt die Kritik zusammen und pointiert sie gewagt, wenn er schreibt, dass Design Thinking ein misslungenes Experiment darstellt. Zusammenfassend bemerkt er, dass die ursprüngliche Intention des Ansatzes, die Befähigung zu kreativem Handeln, verwässert. Das Versprechen von Design Thinking lautet, einen neuen Prozess zur Verfügung zu stellen, der sich eingliedern ließe und signifikante kulturelle und organisationale Veränderungen wie beiläufig nach sich zöge. Tatsächlich gehe diese Rechnung nicht auf. Der Prozess könne dies nicht leisten, er würde sich bislang nicht einmal erfolgreich in bestehende Strukturen integrieren lassen, so Nussbaum.

Nussbaum plädiert dafür, die Befähigung zur Kreativität zurück in den Vordergrund zu stellen; es gelte eine soziale Form der Gruppeninteraktion zu finden, die sich nicht an Phasen orientiere:

It is a sociological approach in which creativity emerges from group activity, not a psychological approach of development stages and individual genius. (Nussbaum)

Was mir an Nussbaums Beobachtung gefällt, ist die Rückbesinnung auf das ursprüngliche Ziel, mit dem Design Thinking angetreten ist. Natürlich ist es der Zweck, kreative Wunderwaffen zu erschaffen, und nicht etwa, einen innovativen Prozess für alle Beteiligten stimulierend zu durchlaufen. Außerdem hat Nussbaum Recht, wenn er davor warnt, den Organisationen einen linearen Prozess verkaufen zu wollen. Der mit Design Thinking assozierte Prozess ist, darüber sind sich die Schulen einig, kein linearer Prozess. Er ist iterativ, er zerfällt in Phasen, die sich nicht zwangsläufig bedingen, sondern oftmals auch überlappen. Jeder Teilnehmer eines Design Thinking Workshops kennt das Gefühl der Verwirrung; man verliert schnell den Überblick in welcher Phase man sich eigentlich befindet, und wo man später stehen wird.

Dennoch bleibt Nussbaums Kritik weitesgehend folgenlos. Die Betonung, Kreativität zu befördern, wird kein Design Thinker ernsthaft von sich weisen wollen. Design Thinking ist entstanden aus dem Wunsch, eine Antwort darauf zu finden, wie eine derartige Befähigung aussehen könnte. Die Antwort lautet, dass Design Thinking eine veränderte Interdependenzstruktur abseits linearer Geschäftsprozesse anbietet, die die analytische Wahrnehmung der Teilnehmer verschränkt (veränderte Engführung der Kommunikationen!), zugunsten eines intuitiveren, nutzerorientierten Zugangs. Nussbaum kann und sollte in unser aller Interesse damit beginnen, seine eigene Antwort auf die Befähigung zur Kreativität zu finden, die er noch nebulös „Creative Quotient“ bezeichnet. Niemand wird ihm entgegen wollen, dass es nicht auch andere Antworten gebe, und sicherlich helfen weitere Alternativen dabei, auch Design Thinking weiterzuentwickeln. Inwiefern sie jedoch die Legitimation von Design Thinking generell in Fragen stellen, konnte Nussbaum trotz des provokanten Titels nicht überzeugend darlegen.

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