23. September 2013

Warum gutes Prototyping abstrakte Kunst ist

Der Prototyp einer Software ist keine Software.

Verabschieden wir uns von den Fragen darüber, welche Prototypen von niedriger oder hoher Auflösung sind, mehr oder weniger komplex verarbeitet und von welchem unterschiedlichen Material. Wenn wir uns auf dieser Flughöhe bewegen, übersehen wir die wirklich spannenden Momente im Prototyping. Gelungene Prototypen sind Artefakte oder gestaltete Situationen, aus denen wir etwas über unsere Ideen wie auch über unsere Probleme lernen. Sie helfen uns miteinander, wie auch mit anderen zu interagieren, um zu erlernen, wie komplexe soziale Verhaltensweisen und Handlungszusammenhänge durch unser Design beeinflusst werden. Manche dieser Interaktionen finden über Testverfahren statt, andere durch das bloße Gestalten und Beobachten. Im Prozess verfolgen wir weniger die schrittweise Annäherung an ein schließlich fertiges Lösungsdesign, dies würde den Möglichkeiten im Prototyping kaum gerecht werden. Vielmehr steht uns ein Mittel zu Verfügung, mehr über unsere eigenen, oftmals unausgesprochenen Grundannahmen zu lernen, die wir mit unserer Idee oder unserem Problemverständnis verknüpfen.

Der Prototyp ist paradoxerweise das Ergebnis einer Abstraktion wie auch einer Konkretisierung.

Zunächst geht es darum, von einer uneindeutigen Idee oder einem komplexen Problem auf die eigenen Annahmen zu abstrahieren, die uns dazu veranlassen zu glauben, dass unsere Idee bzw. unser Problem von Relevanz sein kann. Jede Idee, wie auch jedes Problem setzt sich aus einer Menge an Annahmen darüber zusammen, wie wir uns als Designer, unsere Zielgruppen, die auch die weitere Umwelt interpretieren. Die Idee, Mobilität über Carsharing anstatt über den Verkauf von Autos anzubieten, bündelt Annahmen über Veränderungen in der urbanen Soziodemographie, über die Anwendungsmöglichkeiten mobiler Internetdienstleistungen und vieles mehr durch Seiten der Designer dieser Dienstleistung. Jede dieser Annahmen lässt sich abstrahieren und auf ihre Relevanz bzw. Wirksamkeit testen. Nicht das Carsharing wird über den Prototypen getestet, sondern die damit einhergehenden Annahmen, die das Carsharing letztendlich legitimieren, sofern sie zutreffen.

Zuvor jedoch wird die Abstraktionsleistung von Ideen und Problemen auf deren zugrundeliegenden Annahmen wiederum in Form von Gestaltung konkretisiert. Erfolgreiche Designer gestalten nicht die gesamte Lösung, denn das wäre das allzu klassische, langwierige und lineare Verfahren. Vielmehr gestalten sie die Annahmen, die validiert und in ihrer Summe die Relevanz und Wirksamkeit der Idee bzw. des Problems ergeben. Wem die anspruchsvolle Aufgabe der Abstraktion und Konkretisierung gelingt, dem stehen die Türen offen, auch gänzlich von der erfahrbaren Welt entrückte Designs auf ihre Wirksamkeit hin zu testen, beispielsweise eine Unternehmensstrategie oder eine Markenidentität. Auch hier lassen sich zugrundeliegende Annahmen und Wertevorstellungen abstrahieren und in einem weiteren Schritt in Gestaltung übersetzen. Auch diese Gestaltungen können in Interaktion mit den Zielgruppen überführt werden. Unternehmen lernen auf diese Weise allzu oft zum ersten Mal, inwiefern deren Identität oder Strategie wünschenswerte und wirksame Reaktionen bei ihren Zielgruppen hervorzurufen vermag.

21. September 2013

Multidisziplinäre Teams sind nicht die Lösung

Unternehmen setzen auf das Projekt. Darüber hoffen sie Agilität wiederzufinden, die ihnen während der Wachstumsphase abhanden gekommen sein mag. Idealerweise setzen sich solche Projekt aus multidisziplinären Teams zusammen, in denen Akteure mit möglichst unterschiedlichen soziodemographischen Eigenschaften eine hohe Diversität an Meinungen und Sichtweisen in ein Projekt einbringen, gewissermaßen um der Vielfalt, die in der Herausforderung mit Vielfalt, die sich in den Akteuren vereint, zu begegnen.

Wir wollen daran glauben, dass große Lösungen und geniale Gedanken entstehen, wenn beispielsweise ein indischer Sozialarbeiter, eine europäische Finanzwissenschaftlerin und ein amerikanischer Netzwerkmanager sich in einem Team mit den Herausforderungen sozialer Startups beschäftigen. Tatsächlich ist die Klassifizierung von Akteuren in der Teamarbeit nach soziodemographischen Eigenschaften eine sehr funktionale Sichtweise, die die Dynamik innerhalb des Teams ausblendet.

Die Teilnahme vieler Disziplinen und sozialer Millieus ist kein Ziel von Projektarbeit, sondern allenfalls ein möglicher Zwischenschritt, um eine möglichst hohe Diversität an Perspektiven zu gewinnen, die sich letztendlich bündeln lässt. Insofern sollten wir nicht multidisziplinäre Teamarbeit einfordern, sondern vielmehr multiperspektivische Teamarbeit. Perspektiven entfalten sich im Zusammenspiel der Akteure untereinander und mit Hinblick auf das Projekt. Sie sind keine Persönlichkeitsattribute von Menschen. Viel interessanter als die Einbettung eines möglichst diversen Pools aus sozialdemographischen Faktoren ist die umfassende Inklusion der Akteure innerhalb der Teamarbeit. Unterschiede in der Qualität der multiperspektivischen Teamarbeit zeigen sich dort, wo die Akteure verzichten, auf bestimmte Rollen reduziert zu werden und Aufgaben teilen, die nicht den Kern ihrer Expertise ausmachen. Dort, wo die Finanzwissenschaftlerin ebenso in der Befragung der Zielgruppen des Projekts, wie auch der Sozialarbeiter an der Gestaltung des Geschäftsplans eingebunden wird, entstehen multiperspektivische Räume, die den Umgang mit komplexen Herausforderungen gerecht werden können.